Veronika Hilger
Nacht

exhibition: May 5 - June 10, 2017

All photos by Sebastian Kissel

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In „Nacht“, ihrer zweiten Einzelausstellung bei SPERLING, zeigt Veronika Hilger eine Gruppe neuer Malereien, sowie eine Keramikskulptur. Auch in diesen neuen Arbeiten bewegt sie sich an der Schnittstelle von Landschaft und Stillleben. Sie verlässt ihr gewohntes Bezugsfeld also nicht, grenzt es allerdings thematisch ein und integriert gleichzeitig vermehrt auch andere Gattungen und Sujets. Während die Künstlerin noch vor kurzem eine ihrer Ausstellungen „nobody to greet“ betitelte, verirren sich inzwischen immer wieder Figuren oder körperliche Formen in ihre Kompositionen, welche gegenständlich und abstrakt zugleich erscheinen. Antagonismen dieser Art interessieren Veronika Hilger und bilden einen roten Faden, der sich sowohl formal, als auch auf inhaltlicher Ebene durch ihr Werk zieht.

Auch die aktuelle Beschäftigung mit dem Thema Nacht und nächtlicher Darstellung fügt sich schlüssig in das Interesse für dualistische Prinzipien ein. Begriffspaare wie Licht-Schatten, Hell-Dunkel, Gut-Böse, Geborgenheit-Gefahr oder auch Traum-Wirklichkeit werden mit der Nacht assoziiert. In diesem Spannungsfeld platziert die Künstlerin kaum narrative Elemente, so dass sich der Betrachter den Arbeiten emotional nähert, wobei die nächtliche Atmosphäre Gedanken zu existenziellen Themen wie Vergänglichkeit, Intimität oder Diffusivität evoziert.
Dem inhaltlich stark aufgeladenen Sujet der Nacht, ist durch romantisch-melancholisch gefärbte Szenarien, mystischen Lichtsituationen und dramatischen Schatten eine Nähe zur Idylle, zum Kitsch und zum Pathos inhärent. Allzu erhabene Gefühle lässt die Künstlerin jedoch durch die offensichtliche Darstellung eines bloßen Sujets und durch die Ironisierung bzw. das Fehlen eines dazu passenden Narrativs, geschickt ins Leere laufen.
Die Faszination Veronika Hilgers für die Nacht als Stimmungsträger für diese neue Werkserie, hat unter anderem auch kunsthistorische Bezüge. Die Nacht und ihre malerische Darstellung können als Gegenbild zu unserer Lebensrealität heute gesehen werden, da es die Nacht, wie sie von Generationen von Malern als Bildgegenstand rezipiert wurde nicht mehr gibt. Die Nacht stellt heute viel weniger ein Gegenstück zum Tag dar. Alles ist rund um die Uhr verfügbar, der Großteil der westlichen Welt lebt in Großstädten, die durchgehend beleuchtet sind, Netflix hat immer noch eine Folge zu bieten und irgendein Facebook Freund ist bestimmt immer wach, so dass rund um die Uhr kommuniziert und konsumiert wird. Die Nacht stellt heute viel weniger einen eigenen Erfahrungsraum dar, so dass es noch schwerer fällt, die nächtlichen Darstellungen Hilgers zu verorten und zu deuten. Die Arbeiten erscheinen wie Tore zu einer anderen, fremden Welt, die hinter ihnen liegt und faszinierend und bedrohlich zugleich erscheint. Diese Wechselwirkung passt sehr gut zur Betrachtung der Natur als das von selbst Gewachsene. Das ohne Eingriff von Seiten der Menschen Entstandene, das für diesen auch nicht vollständig bezwing- bzw. kontrollierbar ist. Die Natur also als Gegensatz zum künstlich Hergestellten. Veronika Hilger entscheidet sich nicht klar für das Natürliche oder das Artifizielle. Sie kombiniert, dem roten Faden folgend, beides und schafft Werke, die über die Gesetze der Natur hinausgehen und mit bloßem Verstand nicht zu erklären sind. Sie sind somit qua Definition übernatürlich.


"Nacht" (night) is Veronika Hilger's second solo show at SPERLING, with an exhibition centring on new paintings and ceramic sculptures of landscapes and still lifes. She stays true to her subject matter, whilst narrowing it down thematically and integrating an extension of genres and subjects. Recently, the artist titled one of her exhibitions "nobody to greet", but now figures and bodily forms have found their way into the new figurative and concomitantly abstract compositions. These kinds of antagonisms are of great interest to Veronika Hilger and run as a common, formal and contextual, thread throughout her work.

 Hilger's current preoccupation with the night and its depictions coherently complies with her interest in dualistic principles. Conceptual pairs such as light/dark, good/bad, safety/danger, or even dream/reality, are common antonyms associated with the night. Within this area of tension, the artist barely makes use of narrative elements, so that the viewer can approach the work on an emotional level, thereby managing to evoke thoughts on existential themes spanning mortality, intimacy or diffusion, kindled by this nighttime atmosphere. The conceptually charged subject and its romantic-melancholic tainted sceneries, mystic light situations and dramatic shadows, are inherently and automatically also linked to the idyllic, to kitsch and to pathos. She skillfully renders all too sublime thoughts inane, by the obvious depiction of a mere subject, as well as through irony, or absence, of an appropriate narrative. Veronika Hilger's fascination with nighttime for this series of works is also clearly rooted in art history. The night and its painterly depiction can be applied as a counter-image to our current reality, because, that what was once painted as the night, actually no longer exists. Nighttime is now no more than a counterpart to daytime. Everything is available 24/7, the majority of the Western world live in permanent illuminance; Netflix always has one more episode available and at least one of your Facebook friends is always awake, so that communication and consumerism is possible at all times. Nighttime is no longer its own realm of experience, which makes it all the more difficult to locate and interpret Hilger's nighttime depictions. The works appear to be gates to some other, foreign and fascinating, as well as threatening land. The interplay compliments this viewing of nature as something self-grown – the absence of human intervention – and is thus not fully conquerable, or rather controllable. Nature as the antithesis to artificial production. Veronika Hilger, however, does not choose one or the other – she combines the two, following her common thread, and creates works, which go beyond the laws of nature and are not easily explicable by common sense – works that are therefore, by definition, supernatural.