Various Others: Zuza Golińska, Spiros Hadjidjanos & Anna Vogel

September 15 - October 21 2018

Alle Abbildungen von / photos by Sebastian Kissel

(please scroll down for english version)

Am 14. September startet die erste Ausgabe von Various Others, einem kooperativen Projekt zwischen Galerien, Off Spaces und Museen. Während des Eröffnungswochenendes finden zahlreiche Veranstaltungen des umfangreichen Programms statt, das anschließend bis zum 21. Oktober 2018 dauert. Die Teilnehmer schaffen einen Austausch zwischen Galerien, Institutionen und kuratorischen Projekten auf internationaler Ebene und verfolgen das Ziel, neue Strategien für Kollaborationen zwischen kulturellen Einrichtungen umzusetzen. Die Galerien und Projekträume werden jeweils internationale Partner-Galerien zu Gast haben, um ein Ausstellungsprojekt zu realisieren, während die teilnehmenden Museen ein umfangreiches inhaltliches Programm – ebenfalls mit internationalen Gästen – anbieten.

SPERLING freut sich im Rahmen von Various Others mit der Future Gallery (Berlin/Mexico City) und piktogram (Warschau) zu kooperieren und in einer Gruppenausstellung Arbeiten von Zuza Golińska, Spiros Hadjidjanos und Anna Vogel zu zeigen, die extra für diesen Anlass und diese Konstellation entstanden sind.

Anna Vogel, 1982 geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Anna Vogel visualisiert in ihrer Fotografie Erinnerungen. Ausschnitte aus der Vergangenheit treffen auf abstrakte Denkfragmente, um neue, sehr individuelle Motive zu generieren. Anna Vogels Ar- beiten sind hybride Bilder, die Grenzen der Fotografie überschreiten, und doch in ihrem Medium verwurzelt bleiben. Sie verwendet Fotografien als Ausgangsmaterial, „zerlegt“ das fotografische Abbild aber auf digitale und händische Weise. Sie löscht, verschiebt und betont Bildelemente oder zeichnet auf die Fotografien, übersprüht sie und kratzt Pigment ab.

Die gezeigten Arbeiten der Serie Temples sind einzigartige Arbeiten, die auf der Technik des Zeichnens Fotomontagen basieren. Die fotografischen Bilder unterliegen einem Prozess der mehr- schichtigen Nachbearbeitung. Auf dem letzten Pigmentdruck wird eine Abfolge von feinen Linien eingeritzt bis das Motiv in einer Art Schwebeanimation zu schwingen beginnt.

Spiros Hadjidjanos, 1978 geboren, lebt und arbeitet in Berlin

Hadjidjanos hat eine Reihe von Pflanzenbildern aus der Erstausgabe von Karl Blossfeldts Urformen der Kunst gescannt. Mit Hilfe von Computeralgorithmen wandelte er die Schwarz-Weiß-Töne, die der ebenen Fläche von Blossfeldts Fotos Tiefe verleihen, in Daten, die Tiefe ausdrücken. Er druckte dann diese Tiefenkarten in 3D aus. Die dunkleren Bereiche der Originalbilder treten zurück und die helleren Bereiche werden nach vorne verschoben. In seinen Händen werden die Originalfotos zu Objekten, die aus Hunderten von nadelförmigen Alumidspitzen bestehen, die als Pixel eines digitalen Bildes gelesen werden koönnen. Hadjidjanos verwendete auch Kohlefaser, um eine Reihe von zweidimensionalen Versionen der Blossfeldt Bilder zu erstellen. Mit Hilfe von UV-Licht wird ein Farbbild auf das Material gedruckt. Von der Seite gesehen hat das jetzt wieder flache Pflanzenmotiv eine holografische Qualität.

Sowohl die Verbindung zwischen technologischen Innovationen aus Vergangenheit und Gegenwart als auch die Beziehung zwischen dem Menschlichen und dem Organischen sind wichtige Themen in Hadjidjanos' Kunst. Wie Blossfeldt versucht er, Informationen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind, in Form zu bringen. Wo Blossfeldt eine Lupe einsetzte, verwendet Hadjidjanos modernste Technologie, die unsichtbare Daten aus virtuellen Netzwerken darstellt. Das Ergebnis ist ein faszinierendes und philosophisch komplexes Werk, in dem Blossfeldts botanische Portraits in durchaus zeitgenössische, ja futuristische Objekte verwandelt werden. (Text: Kim Knoppers/Foam Magazine, Ausgabe 49)

Zuza Golińska, 1990 geboren, lebt und arbeitet in Warschau

Zuza Golinńska untersucht in ihrer neuen Werkgruppe die visuellen und emotionalen Assoziationen der so genannten defensiven Architektur, also der störenden Elemente des Städtebaus zur Regulierung unerwünschten Verhaltens im öffentlichen Raum. Die komplett aus Edelstahl gefertigten Piercer bestehen aus verzahnten Ringen, die lose an einer Schiene hängen, die fest mit der Wand verbunden ist. Ihre aggressive, "perforierende" Form ähnelt Stücken defensiver Architektur - wie Stollen, die in den Boden eingelassen sind, um obdachlose Menschen am Schlafen zu hindern -, erinnert aber auch an andere metallgefertigte Artefakte, die dazu bestimmt sind, in Oberflächen einzudringen, sei es eine Wand, ein Betonboden oder ein empfindlicher menschlicher Körper: Geländer, Badegriffe, Mobilitätsgriffe, Körperschmuck sowie Sexspielzeug aus poliertem Metall. Diesmal ist es jedoch der Künstler, der den umgebenden Raum durchdringt, als ob er sich an seinen endlosen Verboten und Überwachungen rächen würde. Andererseits scheinen die sexuelle Anziehungskraft dieser Objekte und ihre hochglanzpolierte Oberfläche ein Berührungsvergnügen sowie eine heftige und ekstatische Intimität hervorzurufen.

Nichts wirkt leicht oder flüchtig an diesen Stücken, geschweige denn an den Wänden, an denen sie so sicher befestigt sind. Die bewusste Wahl von Edelstahl, einem ebenso kräftigen wie langlebigen Material, vermittelt den Eindruck, dass die eigene Last an die Wand gekettet wurde und hier präsentiert wird. Als ob eine unangenehme Erinnerung oder ein vergangenes Trauma, ein Fluch, der unser tägliches Tun mit Gewicht erfüllt, die Form von Metallfesseln annahm, die jeder sehen kann. Eine verwickelte und kraftvolle Form von Piercern deutet aber auch auf eine Sehnsucht nach etwas ganz anderem hin - einer star- ken, dauerhaften Bindung, die Gleichgewicht und Struktur in die eigene Existenz bringen würde. Diese "Verlobungsringe" verkörpern gegensätzliche Konnotationen des Wortes: "Verlobung" verstanden als eine enge und fruchtbare Beziehung zu jemandem - aber nicht ohne die damit verbundene Mühe (keine Diamanten auf diesen Ringen). Piercer sind bedeutsame Symbole des Deadlocks, des Gefangenwerdens in einer Doppelbindung; manchmal kann man nicht aus ihr ausbrechen, aber zumindest ist sie solide genug, um sich darauf zu stützen. (Text: Adam Repucha)


The first edition of Various Others, a cooperative project between galleries, off spaces and museums, will be launched on 14 September. During the opening weekend, numerous events of the extensive program will take place, which will last until 21 October 2018. The participants will create an exchange between galleries, institutions and curatorial projects at an international level, with the aim of implementing new strategies for collaborations between cultural institutions.

Participating Galleries and project spaces will each have international partner galleries as guests to realize an exhibition project, while the participating museums will offer an extensive contextual program - also hosting international guests.

SPERLING is pleased to cooperate with Future Gallery (Berlin/Mexico City) and piktogram (Warsaw) as part of Various Others and to show works by Zuza Golinńska, Spiros Hadjidjanos and Anna Vogel in a group exhibition that were created especially for this occasion and this constellation.

Anna Vogel born 1982, lives and works in Düsseldorf

Anna Vogel visualizes memories in her photography. Excerpts from the past meet abstract fragments of thought in order to generate new, highly individual motifs. Anna Vogel's works are hybrid images that transcend the boundaries of photography and yet remain rooted in their medium. She uses photographs as raw material, but "dissects" the photographic image in a digital and manual way. She erases, shifts and emphasizes pictorial elements or draws on the photographs, sprays them over and scratches off pigment.

The works shown in the Temples series are unique pieces based on the technique of drawing fine ink lines on photomontages. The photographic images are subject to a process of multi-layered post-processing. On the last pigment print, a series of fine lines is inscribed until the motif begins to oscillate in a kind of floating animation.

Spiros Hadjidjanos, born 1978, lives and works in Berlin

Hadjidjanos has scanned a number of plant images from the first edition of Karl Blossfeldt's Urformen der Kunst . With the help of computer algorithms he converted the black and white shades that give depth to the flat surface of Blossfeldt’s photos into data outli- ning depth. He then printed these depth maps in 3D. The darker areas of the original images recede and the lighter areas are brought forward. In his hands, the original photos become objects built of hundreds of needle-like alumide spikes that can be read as the pixels of a digital image. Hadjidjanos also used carbon fibre to create a series of two-dimensional versions of the Blossfeldt images. With the help of UV light, a colour image is printed onto the material. Seen from the side, the plant motif, now flat again, has a holographic quality.

Both the connection between technological innovations from the past and present and the relationship between the manmade and the organic are important themes in Hadjidjanos’ art. Like Blossfeldt, he attempts to give shape to information that cannot be seen with the naked eye. Where Blossfeldt deployed a magnifying lens, Hadjidjanos uses cutting-edge technology that depicts invisible data generated in virtual networks. The result is an intriguing and philosophically complex oeuvre in which Blossfeldt’s botanical portraits are transformed into thoroughly contemporary, indeed futuristic, objects. (Text: Kim Knoppers/Foam Magazine, Issue 49)

Zuza Golińska, born 1990, lives and works in Warsaw

In her new series of works, Zuza Golinńska investigates the visual and emotional associations of so-called hostile architecture, the intrusive elements of urban design aimed at regulating undesirable behaviours in the public space. Made entirely from stainless steel, Piercers consist of interlocked rings that loosely hang from a rail firmly attached to the wall. Their aggressive, “perforating” form resembles pieces of hostile architecture – like anti-homeless studs embedded in the floors to prevent people from sleeping – but also brings to mind other metal-made artefacts designed to penetrate surfaces, be it a wall, concrete floor, or sensitive human body: railings, bathroom grab bars, mobility handles, body jewel- ry, as well as sex toys made from polished metal. This time, however, it is the artist who pierces the surrounding space, as if to take vengeance upon its endless prohibitions and surveillance. On the other hand, the sexual appeal of these objects and their high-polished shine seem to evoke a pleasure of touch as well as fierce and ecstatic intimacy.

Nothing seems lightweight or ephemeral about these pieces, let alone the walls to which they are so securely attached. A deliberate choice of stainless steel, material both hefty and durable, conveys an impression of one’s burden having been chained to the wall and left here to be gazed upon. Just as if some unpleasant memory or past trauma, immovable curse imbuing our everyday doings with weight, took form of metal shackles for everyone to see. However, a tangled and powerful form of Piercers also indicates a yearning for so- mething quite contrary – a strong, enduring bond that would introduce balance and struc- ture to one’s existence. These “engagement” rings embody opposing connotations of the word: „engagement” understood as a close and fruitful relationship with someone – but not without all the trouble that comes with it (no diamonds on these rings). Piercers are heavyweight figures of deadlock, of being caught in a double bind; sometimes you can’t break out of it, but at least it’s solid enough to lean on. (Text: Adam Repucha)