Thomas Geiger: The Great Relief

March 29 - May 11, 2019

(installation views by Sebastian Kissel, see German version below)

The Great Relief is Thomas Geiger's third solo exhibition at SPERLING. Two new series of works come together that deal in very different ways with territorial markings in public space: The photographic work Some Great Europeans has its origin in a performance created in November 2018 as part of the Performance Biennale in Chandigarh (India). Chandigarh is the first planned city in post-independent India, designed by the French architect Le Corbusier. As such, it is permeated by the modernist visions of Europe: scientific rationalism, efficiency, and a belief in social improvement through design. In front of the museum, also designed by Le Corbusier, Geiger built an improvised brick pedestal. Visitors were invited to select an image from a series of photographs, all of which show public statues of some "Great Europeans", and interpret it on the pedestal.

In this work, Geiger deals with his own role as an artist and poses the question of what artistic and intellectual import can look like in the post-colonial age. Together with the participants, he creates temporary monuments in which the ephemeral human being is at the centre rather than the object that survives. The short gestures and attitudes of the participants become a fragile but all the more lively antithesis to the static and solid monumentality of modernism in the background and statues in general.

The work is a continuation of Thomas Geiger's performative and sculptural practice, which finds its place in the intermediate realm of private/institutional and public spaces and usually includes visitors directly. This results in shifts that question our perception of these spaces as well as our own role within them.

The sculpture series Corners for Relief, which emerged from Geiger's preoccupation with "being allowed" and "having to" in public space, also moves at this interface - and quite specifically with the question: Where can one go when one has to? What do you do when you're not allowed?
Urination is an essential biological function that has been subjected to strong social control.. But to maintain this control is more difficult for some than for others. For many people, the increasing disappearance of public toilets is an enormous problem. If you are not a man (who is able to find his "public toilets" in numerous places in the public space or to declare the place a toilet) or in perfect health, enormous mental energy is required if the next toilet is not just around the corner.

The Corners for Relief are small corner-shaped sculptures reminiscent of urinals - a comparison that suggests itself, because they are the modelled forms of popular peeing corners from public space. Peeing corners may be a result of the lack of public toilets, but they still owe the fact that man can. If you like, corners for peeing belong to a male system of representation in public space. They share this quality with the statues of the "Great Europeans", for even historiography and its visible representation in the form of statues and monuments is "marked" above all by male heroes.

Thomas Geiger, born 1983 in Germany, lives in Vienna. Geiger's artistic practice focuses on performative and sculptural approaches at the interface between public- and private/institutional spaces, seeking contact with different forms of public. His projects such as Kunsthalle3000 or The Festival of Minimal Actions can be considered stages for collaborations, dialogue and confrontation. Recent exhibitions and performances include Kunstverein Langenhagen, Museum Tinguely (Basel), La Construccion (Guatemala), Despacio (San José), Fondation d‘entreprise Ricard (Paris) or Thank You For Coming (Nice). 


The Great Relief ist Thomas Geigers dritte Einzelausstellung bei SPERLING, in der zwei neue Werkserien aufeinandertreffen, die sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit territorialen Markierungen im öffentlichen Raum auseinandersetzen: Die Fotoarbeit Some Great Europeans hat ihren Ursprung in einer Performance, die im November 2018 im Rahmen der Performance Biennale in Chandigarh (Indien) entstanden ist. Chandigarh ist die erste Planstadt im post-unabhängigen Indien, entworfen von dem französischen Architekten Le Corbusier. Als solches ist sie von den modernistischen Visionen Europas durchzogen: von wissenschaftlichem Rationalismus, Effizienz und dem Glauben an soziale Verbesserung durch Design. Vor dem Museum, das ebenfalls von Le Corbusier entworfen wurden, hat Geiger einen improvisierten Sockel aus Ziegelsteinen aufgebaut. Die BesucherInnen waren eingeladen aus einer Reihe von Fotografien, die allesamt öffentliche Statuen einiger „Great Europeans” zeigen, eine Abbildung auszuwählen und dieses auf dem Sockel zu interpretieren.

Geiger beschäftigt sich in dieser Arbeit mit seiner eigenen Rolle als Künstler und stellt die Frage, wie künstlerischer und geistiger Import im postkolonialen Zeitalter aussehen kann. Er erschafft mit den TeilnehmerInnen temporäre Monumente, in deren Mittelpunkt nicht das überdauernde Objekt sondern der vergängliche Mensch steht. Dabei werden die kurzen Gesten und Haltungen der Beteiligten zu einem fragilen aber umso lebendigeren Gegenpol zur statischen und soliden Monumentalität des Modernismus im Hintergrund und Statuen im Allgemeinen.

Die Arbeit ist eine Fortführung von Thomas Geigers performativer und skulpturaler Praxis, die ihren Ort im Zwischenbereich von privaten/institutionellen und öffentlichen Räumen findet und meist die BesucherInnen direkt mit ein schließt. Hierbei entstehen Verschiebungen, die unsere Wahrnehmung dieser Räume aber auch unsere eigene Rolle innerhalb dieser hinterfragen.

An dieser Schnittstelle bewegt sich auch die Skulpturenserie Corners for Relief (Eine Ecke zur Erleichterung), die aus Geigers Beschäftigung mit dem „Dürfen“ und „Müssen“ im öffentlichen Raum entstanden ist – und ganz konkret mit der Frage: Wo darf man, wenn man mal muss? Was macht man, wenn man nicht darf? Urinieren ist eine essentielle biologische Funktion, die es zu kontrollieren gilt. Aber diese Kontrolle zu halten, ist für manche schwieriger als für andere. Für viele Menschen ist das zunehmende Verschwinden öffentlicher Toiletten ein enormes Problem. Sind Sie kein Mann (der in der Lage ist, seine „öffentlichen Toiletten“ an zahlreichen Orten im öffentlichen Raum zu finden bzw. den Ort zur Toilette zu erklären) oder im perfekten Gesundheitszustand, ist enorme mentale Energie gefordert, falls die nächste Toilette gerade mal nicht um die Ecke liegt.

Die Corners for Relief sind kleine eckförmige Skulpturen, die an Urinale erinnern - ein Vergleich, der nahe liegt, denn es handelt sich um die abmodellierten Formen von beliebten Pinkelecken aus dem öffentlichen Raum. Pinkelecken mögen ein Resultat des Mangels an öffentlichen Toiletten ein, vielmehr noch sind sie jedoch die Tatsache geschuldet, dass Mann ja kann. Wenn man so will, gehören Pinkelecke zu einem männlichen Repräsentationssystem im öffentlichen Raum. Diese Eigenschaft teilen sie mit den Statuen der „Great Europeans”, denn auch Geschichtsschreibung und ihre sichtbare Repräsentation in Form von Statuen und Denkmälern, wird vor allem von männlichen Heroen „markiert“.

Thomas Geigers (*1983) künstlerische Praxis basiert auf skulpturalen und performativen Einflüssen und bewegt sich an der Schnittstelle von öffentlichen und privaten/institutionellen Räumen, wo er Berührungspunkte mit unterschiedlichen Formen von Öffentlichkeit erzeugt.  Seine unabhängigen Projekte, wie etwa die Kunsthalle3000, das Festival of Minimal Actions oder Water Yump, können als «Bühnen» für Kollaborationen, Dialoge und Konfrontationen gesehen werden. Solo-Projekte fanden in den letzten Jahren unter anderem an folgenden Orten statt: Kunstverein Langenhagen, Museum Tinguely (Basel), Despacio (San José), Fondation d‘entreprise Ricard (Paris), Thank You For Coming (Nizza) oder La Construccion (Guatemala City).