seemed like a good idea at the time

September 13 - October 31, 2014

mit/with:
Haris Epaminonda, Thomas Geiger, Andrew Gilbert, Veronika Hilger, Se-Youn Kim, Sebastian Stumpf

Fotos: Mirei Takeuchi

(please scroll down for english version)

Warum eine Galerie? Warum weg aus Berlin? Warum in München und nicht in Köln? „Naja, zum Zeitpunkt als die jeweiligen Entscheidungen anstanden schien es eine gute Idee zu sein.“ Ganz so leicht hat es sich Johannes Sperling, der sich nach mehreren Jahren in Berlin als Mitarbeiter in einer Galerie und freier Kurator ganz bewusst für München entschieden hat, dann doch nicht gemacht. Doch erst die Zukunft wird zeigen, wie gut dieser Entschluss bzw. diese Idee wirklich war. In einer ähnlichen Situation befinden sich auch die Künstler der ersten Ausstellung, die alle ungefähr im Alter des Galeristen sind und den Test der Zeit auch erst noch zu bestehen haben. In der Ausstellung geht es um unseren Umgang mit der Gegenwart, wenn diese erst einmal Vergangenheit geworden ist und auch darum riskante Entscheidungen zu treffen. Wie isoliert lassen sich hierbei Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erfahren? Im Zusammenhang mit dieser Thematik folgen die sechs Künstler - basierend auf ihren individuellen konzeptuellen Überlegungen - ganz unterschiedlichen Arbeitsprozessen.

Haris Epaminonda (1980 Nicosia, Zypern) arbeitet überwiegend mit vorgefundenem Bildmaterial aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, dessen formale und inhaltliche Verbindungen zueinander sie durch die Kombination mehrerer dieser Bildelemente untersucht. Sie verzichtet dabei auf Hinweise zu Herkunft, Zeit und Bedeutung der Motive, wodurch sich zeitliche Maßstäbe verschieben, und sich die Arbeiten über einen rein emotionalen Zugang und die entstandene ästhetische Stimmung erschließen. Das Prinzip der formalen und inhaltlichen Verbindungen dehnt Epaminonda auf ihr Schaffen im Ganzen aus indem sie nicht nur die Elemente einer Arbeit, sondern auch die verschiedenen Werke und verschiedenen Ausstellungssituationen miteinander verknüpft. Motive, Formen und Situationen tauchen in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten immer wieder auf und bilden das Vokabular, aus dem die Künstlerin Ihr Werk aufbaut.
Thomas Geiger (1983 Schopfheim, Baden Württemberg) erforscht in seinem Werk unsichtbare soziale Strukturen und Phänomene, indem er durch oft beiläufig wirkende Aktionen im öffentlichen Raum die jeweilige Ausstellungssituation mit ihrer urbanen Umwelt konfrontiert. Dabei beschäftigt den Künstler stets die Frage nach der Erlebbarkeit einer Aktion, die in der Vergangenheit passiert ist oder in der Gegenwart an einem anderen Ort passiert. In München wird er während der Laufzeit der Ausstellung jeden Tag eine volle Flasche Bier auf dieselbe Parkbank stellen. Diese Aktion ist auf einem Poster angekündigt, das Teil der Ausstellung ist. Die Besucher wissen von der Aktion, kennen den Ort jedoch nicht. Diejenigen, die den Ort kennen, weil sie die Parkbank frequentieren, wissen gleichzeitig nicht, woher das Biergeschenk kommt und dass es Teil einer Kunstaktion ist. Ein wichtiger Aspekt dieser Praxis ist die ständige Wiederholung und die Frage nach erkennbaren Mustern und deren Interpretation durch die Beteiligten.
Andrew Gilbert (1980 Edinburgh, Schottland) bewegt sich in seiner Kunst in einem über die Jahre entwickelten grotesk fantastischen Kosmos, in dem er die Figuren seiner Arbeiten ansiedelt. Im Zentrum dieses Kosmos steht die Geschichte der schottischen Heimat Gilberts und der Kolonialgeschichte Großbritanniens. Auf Ihr basierend verschachtelt und verknüpft der Künstler akribisch recherchierte historische Fakten mit fiktionalen Charakteren. Auch sich selbst hat Gilbert eine tragende Rolle in diesem Universum gegeben. So taucht immer wieder die Figur des Andrew auf, der zum Beispiel auf dem Schlachtfeld gemeinsam mit dem Holy Brocoli (einem spirituellen Beschützer) Heldengeschichten erlebt oder den afghanischen Eichhörnchen in seinem Helikopter hinterher fliegt. 2014 hatte der Künstler zum ersten Mal die Gelegenheit in Afrika zu arbeiten. Einige der dort entstandenen Zeichnungen sind in der Ausstellung „seemend like a good idea at the time“ zu sehen.
Veronika Hilger (1981 Prien, Bayern) setzt sich in Ihrer Arbeit mit Malerei und dabei im speziellen mit Landschaftsmalerei auseinander. Die Entscheidung für dieses heute eher ungewöhnliche Thema hat die Künstlerin schon während ihrer Zeit an der Akademie der Bildenden Künste in München getroffen und lässt seither Bildwelten aus Landschaftselementen entstehen, die mit der klassischen Vorstellung von Landschaftsmalerei relativ wenig gemein haben. Diese abstrakten Welten entstehen ohne Vorlagen und können immer wieder neu gelesen und zusammengesetzt werden. Gegen Ende ihres Studiums hat Veronika Hilger begonnen, parallel zu ihrer Malerei eine Werkgruppe von Skulpturen zu entwickeln. Diese fragilen Keramiken basieren auf der Formsprache der Leinwandarbeiten und beleuchten von dieser ausgehend weitere Aspekte der Künstlichkeit von Landschaft und deren Abbildbarkeit.
Se-Youn Kim (1986 Seoul, Südkorea) beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit dem Themenkomplex Dekonstruktion, Rekonstruktion und Verwandlung von bekanntem Material. Hieraus entstehen sehr persönliche Werke, wie 96 pieces, für das die eigene jüngste Vergangenheit der Künstlerin die Grundlage bildet. Die abstrakte Installation besteht aus den Fasern und Fäden aller 96 Kleidungsstücke, die sie während ihrer Zeit an der Kunstakademie getragen hat und die hierfür aufgetrennt oder pulverisiert wurden. Für 96 pieces #2  hat Se-Youn Kim dieses verwandelte Material noch einmal verwandelt, indem sie aus den einzelnen Fasern -nach Farben sortiert- hauchdünnes Papier geschöpft und so in eine neue Form überführt hat. Die Kleidung, die eine lange Zeit zum Schutz, zur Kommunikation und als Ausdrucksmittel gedient hat, ist unwiederbringlich zerstört und es bleibt die abstrakte Schönheit von Farbe und Form.
Sebastian Stumpf (1980 Würzburg, Bayern) zieht es für seine Arbeiten an meist urbane Unorte, an denen er das Verhältnis von Körper und Raum untersucht und dessen Grenzen auslotet. In seinen verwegenen Aktionen überwindet er physische Grenzen und dokumentiert diese performative Handlung in erstaunlichen Foto- und Videoarbeiten. Das Gelände eines stillgelegten und gefluteten Tagebauwerks bildet die fast unwirklich erscheinende Kulisse für die neue Fotoserie mit dem Titel Abraum. Darin inszeniert sich Stumpf bei gewagten Sprüngen in die künstlichen Seen des Geländes und drückt im Moment zwischen Absprung und Aufprall den Fernauslöser seiner Kamera. Durch die Besonderheit der Umgebung, die Motivwahl und die jeweilige Aktion verschieben sich Größen und Raumverhältnisse, wobei kein Bildelement in den Vordergrund rückt. Stumpf selbst fügt sich trotz seiner extremen Aktionen irritierend harmonisch in die vielen Details seiner Umwelt ein.


 Why a gallery? Why leave Berlin? Why in Munich and not in Cologne? ‘Well, at the time when we had to make the decisions, it seemed like a good idea.’ But for Johannes Sperling, who made a quite conscious decision in favour of Munich after a number of years in Berlin as a gallery employee and freelance curator, it wasn’t quite as easy as that. And only the future will show how good this decision, or this idea, actually was. The artists represented at this first exhibition are in a similar situation. They are all roughly the same age as the gallery owner, and still have to stand the test of time. The exhibition is concerned with how we deal with the present time when this has become the past, and consequently with taking risky decisions. To what extent can present, past and future be experienced in isolation? In the context of this theme, the six artists pursue quite different work processes, based on their individual conceptual considerations.

Haris Epaminonda (b. 1980 Nicosia, Cyprus) works overwhelmingly with ‘found’ pictorial materials dating from the middle of the last century; she examines their mutual formal and thematic relationships through the combination of several of these pictorial elements. In the process, she dispenses with any reference to the origin, age or meaning of the motifs, and as a result the time-scales are shifted, and the works become accessible via the emotions alone and the aesthetic mood that results. Epaminonda extends the principle of formal and thematic combinations to her œuvre as a whole by linking together not just the elements of one work, but also the various works and different exhibition situations. Motifs, forms and situations keep turning up in a variety of configurations and contexts, forming the vocabulary on which the artist builds her work.

In his work, Thomas Geiger (b. 1983 Schopfheim, Baden Württemberg) explores invisible social structures and phenomena by using what often look like casual actions in the public space to confront the exhibition situation in question with its urban environment. In the process, the artist is constantly concerned with the degree to which an action that happened in the past, or in the present at a different location, can be said to be ‘experienced’. In Munich, he will, every day for the duration of the exhibition, place a full bottle of beer on the same park bench. This action has been announced on a poster which forms part of the exhibition. Visitors will know about the action, but not where it is happening. At the same time, those who do know the location because they happen to frequent the park bench will not know where the free beer comes from, or that it is supposed to be ‘art’. An important aspect of this practice is the constant repetition, and the question of recognizable patterns and their interpretation by those involved.

In his art, Andrew Gilbert (b. 1980 Edinburgh, Scotland) moves in a grotesquely fantastical cosmos that he has developed over the years, in which he places the figures from his works. At the centre of this cosmos are the history of Gilbert’s Scottish homeland and the colonial history of Great Britain. Taking these as his basis, the artist interlaces and combines meticulously researched historical facts with fictional characters. Gilbert has given himself a major role in this universe too. Thus time and again the figure of ‘Andrew’ turns up, experiencing heroic stories on the battlefield together with Holy Broccoli (a spiritual guardian) or pursuing the Afghan squirrel in his helicopter. In 2014 the artist had a first opportunity to work in Africa. Some of the drawings he produced there can be seen in the exhibition ‘seemed like a good idea at the time’.

Veronika Hilger (b. 1981 Prien, Bavaria) grapples with painting, and in particular with landscape painting. The artist took the decision to devote herself to what is these days an if anything unusual genre while a student at the Akademie der Bildenden Künste in Munich, and since then has created pictorial worlds from elements of landscape that have relatively little in common with the classical notion of landscape painting. These abstract worlds arise without any model in the real world, and can be read and put together in continually new ways. Towards the end of her studies, Veronika Hilger began, in parallel with her painting, to develop a body of sculptural work. These fragile ceramics are on the formal vocabulary of the works on canvas, and against this background cast light on further aspects of the artificiality of landscape and its capacity for depiction.

Se-Youn Kim (b. 1986 Seoul, South Korea) is concerned with the thematic complex of the deconstruction, reconstruction and transformation of familiar material. This gives rise to very personal works, such as 96 pieces, for which the artist’s own recent past forms the foundation. The abstract installation consists of the fibres and threads of all 96 items of clothing which she wore during her time at art college, and which were taken apart or pulverized for this work. For 96 pieces #2 she transformed this transformed material in its turn, by turning the individual fibres – sorted by colour – into very thin paper, and thus giving them a new form. The clothing, which long had protective, communicative and expressive functions, has been irrevocably destroyed: what remains is the abstract beauty of colour and form.

Sebastian Stumpf (b. 1980 Würzburg, Bavaria) is drawn mostly to urban ‘un-places’ for his inspiration. Here he sounds out the relationship between body and space, and its limits. In his madcap actions, he overcomes physical boundaries and documents this performative action in astonishing photographs and videos. The terrain of a disused and flooded opencast mine forms the almost unreal backdrop for a new photographic series with the title Abraum (‘Waste’). Here Stumpf stages himself by jumping boldly into the artificial lakes on the site, pressing the remote-control release of his camera between the moment of lift-off and the moment of touchdown on the water. The special nature of the surroundings, the choice of motif and the action in question produces a shift of scale and spatial relationships, no pictorial element moving into the foreground. Stumpf himself, in spite of the extreme nature of his actions, fits confusingly harmoniously into the many details of his surroundings.