Elvire Bonduelle
waiting room #4

November 13, 2015 - January 23, 2016

with
Nicolas Chardon, François Morellet,
Olaf Nicolai, Bernard Piffaretti,
Amedeo Polazzo and Émile Vappereau

(please scroll down for english version)

 

“Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten, ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.”

Henri Matisse, Notes d'un Peintre, Editions Centre Pompidou, Januar 2012

 

„Die Umstände, in denen Kunst angeschaut wird, sind elendig. Ausstellungen sind voll von Menschen, von denen einige Idioten sind. Du kannst nur stehen und gucken, und das normaler Weise nur an jemandem vorbei. Kein Platz, keine Intimsphäre, kein Sitzen oder Liegen, kein Trinken oder Essen, kein Denken, kein Leben. Es geht alles um die Show. Es ist alles nur Information.“

Donald Judd, Complete Writings 1959-1975
 

Tatsache ist, dass wir oft überhaupt nichts sehen. Wir zwingen unseren Blick, das hier und jetzt wahrzunehmen, in drei Minuten, in dreißig Sekunden… Warum kann man sich nicht öfter vor die gezeigten Arbeiten setzen?
waiting room #4 ist der vierte Teil einer Ausstellungsreihe, die auf dem Gedanken basiert, dass Wartezimmer einen optimalen räumlich-zeitlichen Rahmen bieten, der sich für die Betrachtung von Kunst eignet. Man hat dort nichts zu tun. Man kommt an, setzt sich und wartet. Und während des Wartens kommen die Dinge, die uns umgeben vielleicht langsam auf uns zu, entfalten eine Wirkung, ohne sich aufzudrängen. Das Autoritätsverhältnis kehrt sich um: es ist nicht mehr der Betrachter, der sehen will, es sind die Arbeiten, die sich Sichtbarkeit verschaffen. 

Für waiting room #4 habe ich hauptsächlich ziemlich große Werke ausgewählt, die sich auch aus der Entfernung gut betrachten lassen, die man nicht aus der Nähe untersuchen muss. Die Arbeiten haben Ihre Lebendigkeit und Geltung unabhängig vom Betrachter. Sie haben etwas Geordnetes, Repetitives und Gleichmäßiges an sich, das ein Gefühl von Erholung und Ruhe vermittelt. Sie sind gemeinsam mit uns im Raum und wie sie werden auch wir zum Teil des Dekors. Jemand hat für uns entschieden, dass wir auf dem Platz sitzen, auf dem wir sitzen. Wir machen es uns bequem und warten vage darauf, dass sich eine Türe öffnet.

Gefügig ordnen wir uns einer Doppelten Autorität unter. Der Autorität der Person die uns warten lässt einerseits und derer der räumlichen Bedingungen andererseits. Unsere gleichschwebende Aufmerksamkeit wandert von einer Arbeit zur nächsten. Diese kommunizieren auf freudige Weise sowohl untereinander als auch mit uns. Die Formen und Farben reagieren aufeinander und werden zu einem angenehmen Gemisch, zu dem sich das Auge intuitiv hingezogen fühlt. Der Geist befreit sich ob dieser ästhetischen Erfahrung, die schon eine Weile andauert und die noch lange weitergehen kann, weil wir uns wohlfühlen und weil wir sitzen.

Oben am Ende der Treppe öffnet sich die Türe. Eine Person kommt herunter und grüßt. Sie nimmt eine Leinwand von der Wand, dreht sie, hängt sie wieder an die Wand und geht. Wir bleiben verblüfft zurück. Stimmt ja, wir sind in einer Galerie. Aber warum wurde die Leinwand so gedreht, dass sie jetzt auf dem Kopf steht? Bleiben wir sitzen oder gehen wir?

Elvire Bonduelle


 

“What I dream of is an art of balance, of purity and serenity, devoid of troubling or disturbing subject matter, an art which could be for every mental worker, for the businessman was well as the man of letters, for example, a soothing, calming influence on the mind, something like a good armchair which provides relaxation from physical fatigue.”

Henri Matisse, Notes d'un Peintre, Editions Centre Pompidou, Janvier 2012
 

“The conditions for looking at art are miserable. Shows are often full of people, a few of whom are idiots. You can only stand and look, usually past someone else. No space, no privacy, no sitting or lying down, no drinking or eating, no thinking, no living. It’s all a show. It’s just information.”

Donald Judd, Complete Writings, 1959-1975
 

Fact is that we often don’t see a thing. We force our gaze to perceive what is here and now in three minutes, thirty seconds… Why can’t we sit in front of the presented works for more often?
waiting room #4 is the fourth edition of an exhibition series, which is based on the idea that a waiting room offers the perfect spatio-temporal framework to view art. Here we are not busy doing anything. We arrive, sit down and wait. And while waiting, the surrounding things may come slowly closer and unfold their effects without imposing on us. The relations of authority are reversed. It is not the spectator who wants to see, but it is the artwork that makes itself visible.

For the exhibition waiting room #4 I have chosen mainly large-scale works, which can be well viewed from the far and which do not have to be explored in proximity. The works hold a vibrancy and importance independently from the spectator. They show moments of ordering, repetition and uniformity, which mediate a feeling of relaxation and calmness. They are present with us in the exhibition space and just like them we, too, become part of the decorum. Somebody else has made the decision for us to sit in the place we are presently sitting. We make ourselves comfortable and wait uncertainly for a door to open.

We submit ourselves to this doubled authority. On the one side it is the authority of the person, who is letting us wait, and on the other it is the existing spatial condition. Our balanced attention wanders to each of the works. They communicate in a pleasant way with each other and with us. The shapes and colors interact and turn into a balanced mix, very appealing to the eye. The mind is freed by this pure aesthetic experience which lasts for some time and is likely to continue because it makes us feel good and because we are sitting. 

At the end of the staircase, the door opens. A person descends, is greeting us and takes a canvas from the wall, rotates it, hangs it back on the wall, then leaves. We stay behind puzzled. Right, we are in a gallery. But why was the canvas being turned up side down? Shall we stay seated now or shall we leave?

Elvire Bonduelle