ART N MORE
ART N MORE AUS DER NEUEN WELT

exhibition: May 04 - June 16, 2018

All photos by Sebastian Kissel

(please scroll down for english version)

In ihrer zweiten Einzelausstellung ART N MORE AUS DER NEUEN WELT bei SPERLING zeigen Paul Bowler und Georg Weißbach als ART N MORE neue Arbeiten, die sich als diptychonartige Paare von Malerei und Textarbeit im gemeinsamen Rahmen präsentieren.
Auch in dieser Ausstellung, wie schon in der Vergangenheit, bedient sich das Künstlerduo ART N MORE einer populären Bildsprache, allerdings wird das Bildmotiv hier radikal eingegrenzt. Die Künstler selbst treten als Sujet in den Hintergrund und verweisen nicht mehr auf die Bildwelt der Werbung. Stattdessen nehmen sie sich eines anderen populären, in der Alltagskultur verankerten Geschöpfes an – dem DINOSAURIER.
In den großformatigen Malereien illustrieren ART N MORE die Geschichte zu einer neuen Welt, dessen Protagonist – der Dinosaurier – in all seinen Formen und Ausprägungen dargestellt ist. Den Malereien sind neunmalkluge lateinische Zitate unterschiedlichen Ursprungs nebenan gestellt, die mit Aussagen wie “De omnibus dubitandum” (An allem ist zu zweifeln) oder “Gaudeamus igitur” (Lasst uns fröhlich sein) wie Gebote oder Aufrufe dieser neuen Welt wirken.
Doch von welcher “Neuen Welt” berichten uns die Künstler hier? Der seit Millionen von Jahren ausgestorbene Dinosaurier mitsamt der toten lateinischen Sprache beschwört vielmehr eine längst vergangene und vergessene Zeit. Die zeitlichen Dimensionen scheinen entrückt zu sein und werfen Fragen nach Selbstverständnis der Menschheit, der Kulturgeschichte sowie der Kunst auf.
In der Welt der Massenmedien und Popkultur nimmt das Bild des Dinosauriers einen besonderen Stellenwert ein. Der Dinosaurier – ein eigentlich wissenschaftliches Objekt – hat seit seiner ersten künstlerischen Verbildlichung 1837 einen festen Platz in unserer Bild- und Vorstellungswelt.
Der Umstand, dass Dinosaurier ausgestorben sind – eine Untersuchung am lebendigen Objekt ist somit nicht möglich – und dass nur fossile Teilfunde von Skeletten existieren, erklärt die Faszination und daraus folgende immense Zahl an Bildproduktionen und visuellen Konstruktionen von Dinosauriern. Es existiert nur eine Idee vom Aussehen des Dinosauriers und dies beflügelt seit jeher die Vorstellungskraft von Wissenschaftlern und Künstlern, aber auch Kindern. Der Dinosaurier wird zum idealen kulturellen Objekt und Symbol, welches mit Bedeutungen verschiedenster Art aufgeladen werden kann und in unzähligen Ausprägungen als Bild festgehalten wird. In diesen bildlichen Darstellungen, wie beispielsweise Filmen von Dinosauriern finden wir höchst kulturkontextuelle Werte, Wünsche und Ängste unserer Gesellschaft verhandelt.
Das Bild des Dinosauriers ist somit ein überaus artifizielles und zusammengesetztes Bild, das sich in seiner Künstlichkeit kaum übertreffen lässt. ART N MORE treiben diese Konstruktion des Dinosaurierbildes auf die Spitze, indem sie aus etwa 600 verschiedenen Bildern und Objekten von Dinosauriern, zeichnerisch und digital, ihre Vision einer neuen Welt erschaffen. Diese neue Welt erhält eine Pseudo-Legitimation durch das Anbringen von bekannten und weniger bekannten lateinischen Zitaten, die eine Geschichtlichkeit vermitteln und gleichzeitig Vergangenes heraufbeschwören.
Die Gefahr des Untergangs dieser neuen Welt ist in ART N MORE’s Arbeiten bildimmanent. Der längst ausgestorbene Dinosaurier ist in den Bildern permanent der Gefahr des Untergangs durch Lava spuckende Vulkane  ausgesetzt. Der Titel der Ausstellung, in Kombination mit der Darstellung der ausgestorbenen Wesen sowie den Textarbeiten macht die Absurdität von Geschichtlichkeit und deren inhärente konstruierte Natur deutlich, die zudem immer zeitabhängig ist. Besonders das kulturelle Bild des Dinosauriers in seiner Zusammengesetztheit eignet sich dafür, Fragen nach visuellen Darstellungen und deren Wahrheitsgehalt zu stellen. Auch das Kartenmotiv der Ausstellung – ein Schnappschuss-Foto des Forum Romanums – ist eigentlich eine Filmkulisse aus Pappmaché in der Cinecittà in Rom.
Neben dem Aufdecken der kulturellen Symbolhaftigkeit des Bildes des Dinosauriers, spielen ART N MORE auch hier mit den Erwartungen an die Kunst. Indem die Künstler in ihrem Werk eklektisch verschiedenste Bildwelten aufgreifen und durch Zitate aus verschiedenen Epochen der Geschichte ergänzen, lösen sie sich von jeglichen Erwartungen und schaffen sich einen Freiraum, der alles erlaubt und genau deswegen so radikal ist.
Wie so oft bei ART N MORE fragt sich der Betrachter: “Meinen die das ernst oder machen die sich lustig?” Mit ihren humorvollen und zugleich kritischen Arbeiten stellen sich ART N MORE aber auch der Frage von Kunst und künstlerischen Schaffen selbst. Wo fängt Kunst an und wo hört sie auf? Und gibt es diese Grenze überhaupt?

 


 

In their second solo show at SPERLING, Paul Bowler and Georg Weissbach a.k.a. ART N MORE show new works as a series of painting and text diptychs. As in the past, ART N MORE make use of popular visual imagery, however this time radically reduced. The artist themselves step out of the picture and no longer reference the image world of advertising. Instead, they pick another creature from popular culture: THE DINOSAUR.
In their large-format paintings, ART N MORE illustrate the story of a new world, whose protagonist – the dinosaur – is depicted in all its shapes and forms. The paintings are illustrated by smart-aleck Latin quotes of different origin, with statements such as “De omnibus dubitandum“ (Doubt all) or “Gaudeamus igitur“ (Let us rejoice), which sound like commandments or invocations from this new world.
But of which “New World“ do these artists truly speak? The extinct dinosaurs and dead Latin language have more long-gone and forgotten-time connotations than anything else. The temporal dimensions seem shifted and throw up questions surrounding man’s self-conception, cultural history and art.
In mass media and pop culture, the image of the dinosaur has its special standing. The dinosaur – actually a scientific object – has, since its first artistic depiction of 1837, a prominent place in our image universe and imagination. The fact that dinosaurs are extinct (an examination of a living object is therefore not possible) and that only part-finds of fossils exist, explains the fascination and immense subsequent image production and visual assemblage of their image. As only one idea on the appearance of dinosaurs exists, the imaginations of scientists and artists, as well as children, go rampant wild. The dinosaurs are the ideal cultural object and symbol to be loaded up with a myriad of meanings and take on countless manifestations. In these pictorial depictions, such as in films of dinosaurs, we can find highly cultural contextual values, wishes and fears of society.
The image of the dinosaur is therefore an especially assembled image, which can hardly be topped in its artificiality. ART N MORE carry these constructions to the extreme, building their vision of a new world from an array of 600 different dinosaur images and objects, in drawings and digital form. This new world also acquires a pseudo-legitimation through the application of well known and lesser-known Latin quotes, which convey an historical aspect, whilst also summoning one.
The impending danger of the downfall of this new world is very clearly illustrated in ART N MORE’s imagery. The long extinct dinosaur is consistently placed in danger by spitting volcanic lava. The title of the exhibition, in combination with the depiction of extinct creatures and together with the text, make the absurdity of historicity and its inherent constructed nature clear – which in addition is also always time-dependent. Especially the cultural image of the dinosaur, in its assemblage, is ideal for questioning visual depictions and subsequent truth content. That also goes for the postcard image of the exhibition – a snapshot of Forum Romanum, which is actually a papier-mâché movie set of the Cinecittà in Rome.
Alongside revealing the cultural symbolic value of the dinosaur image, ART N MORE repeatedly play with the expectations of art. By referencing eclectically different image worlds in their work and expanding on numerous epochs of history, the artists release themselves from all expectations and create a freedom of working, which allows for anything and is therefore, so radical in its nature.
As is often the case with ART N MORE, the viewer asks him/herself: “Is this meant seriously or are they taking the piss?“ In their humorous, as well as critical work, ART N MORE question art and art production itself. Where does art start and where does it end? And: Is there even a border?