Anna McCarthy
The man in the moon (and she likes it)

exhibition: February 09, 2018 - March 24, 2018

 

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Der Titel meint eine Betrachtung, die nächtlich ist, kühl. Ihr Licht ist indirekt wie das vom Mond, der im Februar 2018 nicht voll werden will. Zugleich steht der Titel für eine Sympathie, die bis zur heißen Vereinigung reicht. Das eine folgt nicht nur auf das andere, vielmehr scheint das, was fern liegt, immer auch nahe, oder der Mensch auf der Erde wohnt zugleich im All.

Anna McCarthy erzählt von ihrem Unterwegssein im vergangenen Jahr, von einem Aufenthalt in Detroit/Hamtramck, von Autofahrten im ländlichen Bayern und einer Pauschalreise nach Indien. Eine Reihe von Arbeiten beziehen sich auf die „postkapitalistiche Idylle“, die McCarthy in der beschädigten Autostadt vorfand. In Bayern war das Auge der Polizei wachsam, wenn es um illegales Campieren ging. Eine Landschaft von Anna McCarthy zeigt Streifenwagen und Zelt am ferneren Seeufer. Auf einem näheren Streifen Landes steht eine Kneipe: „The Man in the Moone“, dunkelblau mit gelb erleuchteten Fenstern. Ein betrunkenes Gespenst wankt aus der Tür in Richtung Auto. Der wirkliche Mond steht wie eine Lampe an einem roten Himmel. Rot ist auch der Nachen im Wasser vor der Spelunke. Hart am vordersten Ufer entlang geht die Straße, die McCarthy in dieses Süddeutschland geführt hat, das trunken scheint oder ein Leuchtkasten. Das quere Bild findet ein Gegenüber, das hoch ist: Ein Paar, der Herr elegant mit grünem Hemd, die Dame mit einem Strauß vor einem weißen Kleid, dahinter ein Haus, darüber die Nacht, darin der Mond, der ein Feld bescheint, wenn man so will, einen Gottesacker. Das Paar hat alles, nur keine Gesichter. Es scheint von vorn angestrahlt, die Landschaft mit der Kneipe dagegen von hinten erleuchtet. In beiden Bildern finden sich Familie und Welt beziehungsweise Haus, aber auch Wirtshaus. Die Künstlerin scheint viel gereist zu sein, mehrsprachig sicher in dem Sinn, dass sie als Malerin tätig ist und als Dichterin, als Bildhauerin und als Musikerin. Und der Horizont für so vieles ist christlich, nicht dem Bekenntnis, aber dem Herkommen nach.

Anna McCarthy aber schlägt diesen Bogen ganz sicher selbst. Es fällt auf, dass der Bogen nicht bricht, wenn man ihr Werk von außen beschreibt. 2016 ist im Katalog der Ausstellung Favoriten III im Lenbachhaus München die Rede von Anna McCarthy und „ihrem langjährigen Thema vom Untergang des Westens“. Die Rede ist von einem Ereignis, das einmalig sein muss, und gleichzeitig von einer Dauer, die nicht absehbar, zumindest langjährig ist. Und der Untergang selbst kann Ende, aber auch Erlösung, also auch Anfang, bedeuten. Alle Dinge des Westens scheinen gestrandet, wenn Anna McCarthy sie vor uns ausbreitet. Die gegenwärtigen Dinge sind das, was sie sind, sie sind selbst ein Text, der verblasst, wenn er kommentiert wird, ein mythischer Text. Aber die gleichen Dinge kommen bei Anna McCarthy nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit und in der Zukunft zu liegen: als Relikt und als Versprechen, als ein Fund, der älter scheint als nur Zeug und als Ausdruck einer Jugend, die länger dauert als die wirkliche Jugend.

In der Ausstellung The Man in the Moon (and she likes it) überzieht Anna McCarthy die Wände mit einem kaum sichtbaren Netz aus Linien. Mit der Verdunkelung der Ausstellung für einen musikalischen Auftritt bei der Eröffnung beginnen diese zu leuchten. Und im Keller ist von Anfang an der Mond aufgegangen mit Hilfe von Pepper ́s Ghost Technique. Am Abend der Eröffnung und zwischen oben und unten ist so eine Grenze gezogen. Wir passieren diese Grenze, sobald wir die Zeit nicht nur als Vergehen erleiden, sondern als Dauer erfahren. Oder die Erfahrung wird erst zur Dauer oder zur Wirklichkeit, wenn sie besonnen ist und benommen, licht, aber auch dunkel. Sogar die Entzauberung der Welt gelingt nur auf dem Weg ihrer Verzauberung. Es ist rational, ein Auto zu bauen oder zu fahren. Aber es ist irrational, unbedingt eines haben zu wollen. Unschuldiger ist es, die Nüchternheit durch den Rausch zu ertragen. Die Kneipe „The Man in the Moone“ ist nicht nur ein Ort, um die Welt zu vergessen, sondern ein Ort, an dem die Welt erst vollständig wird.

 

Berthold Reiß

 


 

The title means a reflection, which is nocturnal, cool. The light is indirect like that of the moon, which will not acquire fullness in February 2018. At the same time, the title stands for attraction, which goes as far as copulation. One does not just necessarily follow the other. More so, that which seems far away is also always close, or that man lives on earth and in the universe at the same time.

Anna McCarthy tells of her travels of the past year: A residency in Detroit/Hamtramck, roadtrips in the Bavarian countryside and a package holiday to India. A series of works are dedicated to a "postcapitalist utopia", which McCarthy came across in the Motor City. In Bavaria, the eye of the police is always watchful, in this case when it comes to illegal camping. A landscape by Anna McCarthy shows a police car and a tent on a distant bank of a lake. On a closer strip of land a pub stands: "The Man in the Moone", dark blue with yellow lit-up windows. A drunk ghost staggers out of the door in the direction of a car. The real moon hangs like a lamp in a red sky. Red is also the color of the rowing boat, which waits in the water up front. The road that leads us into Southern Germany is a hard line that runs along the front of the lakeside, which also seems drunk or like a lightbox. For the horizontal painting, McCarthy has a vertical counterpart: A couple, the man dressed elegantly in a green shirt, the woman with a bouquet of flowers in front of a white dress, behind it a house, above it the night, within it the moon, which shines on a field, which if you like could be interpreted as resembling a cemetery. The couple has everything, but faces. It seems lit up from the front, whilst the landscape with the pub is lit from behind. In both pictures family and world, or house and pub, can be seen. The artist seems to have travelled a lot, a polyglot in the sense that she paints, sculpts, writes poetry and is a musician.

And the horizon for many things is Christianity, not of confession, but it derives from it. Anna McCarthy definitely draws this line herself though. It stands out that this line never breaks, when describing her work from an outward perspective. In the 2016 catalog to the exhibition Favoriten III at Lenbachhaus Munich there is talk of Anna McCarthy and her "longterm dealings with the downfall of the West". The talk is of an occurrence, which must be singular or a one-off and continuous or permanent at the same time. And downfall can itself be the end, but also a release or redemption. All things Western seem stranded when Anna McCarthy lays them out before us. The current occurrences and things are what they are, they are themselves a text, which pale when commented on, a mythical text. These same things Anna McCarthy addresses, not just in the present, but also in the past and as lying in the future: As a relic and as a promise, as an archaeological find, which seems older than stuff and as an expression of youth, which lasts longer than actual youth.

In The Man in the Moon (and she likes it) Anna McCarthy draws on the walls of the exhibition in a net of almost invisible lines. The darkening of the exhibition for the musical performance at the opening will let them glow. And in the cellar the moon will have risen already with the help of pepper's ghost technique. There will therefore be a line drawn between the upstairs and downstairs. We pass this border, as soon as we experience time not just passing by, but as something perennial. Or the experience only then acquires length(permanence) or reality when it is calm and punch drunk, light headed, but also dark. Even the demystification of the world can only be attained via mystification. It is rational to build a car or to drive it, but it is irrational to want to have one. It is more innocent to endure soberness with drunkenness. "The Man in the Moone" pub is not just a place in which to forget the world, but is the place where the world first acquires true fullness.

 

Berthold Reiss