Andrew Gilbert
Shaka Zulu - The Musical - directed by and starring Andrew

June 02 - July 16, 2016

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Shaka Zulu, Karotten, Selfie-Sticks, Napoleon, Plastiktüten, Nina Simone, Massageöl, afrikanische Masken, Emil Nolde und ein Saxophon sind nur einige der Komponenten, die Andrew Gilbert in seiner ersten Einzelausstellung bei SPERLING zusammenbringt. In Shaka Zulu – The Musical werden, neben neuen Zeichnungen eine Installation, sowie erstmals ein Diorama präsentiert.
Ausgehend von der britischen Militär- bzw. Kolonialgeschichte beschäftigt sich Gilbert kritisch mit dem Selbstbild des britischen Empire, den Exzessen des Kolonialismus und der Absurdität von Krieg und Gewalt im Allgemeinen. Schauplatz sind die Kolonien Großbritanniens und dabei insbesondere aber nicht ausschließlich die afrikanischen. Der Künstler betrachtet historische Ereignisse und Personen bewusst mit dem europäischen, von Klischees, Vorurteilen und romantischen Vorstellungen von Exotik getrübten Blick. Fakten vermischt er mit fiktiven Figuren und verstörenden Gewaltphantasien. Diese Vermengung ist im Kontext von Geschichtsschreibung schlüssig, weil diese häufig aus einer Sicht, meist aus der des Siegers, geschah und daher entsprechend subjektiv bzw. motiviert ist.  Hinzu kommt, dass Geschichte in Afrika ausschließlich mündlich überliefert wurde und es daher nur die europäische Version der Geschehnisse gibt. Dies ändert Gilbert, wobei die Grausamkeit in seinen Arbeiten nicht erst erfunden werden muss. Lediglich die Konstellationen von Fakten und Figuren sind Fiktion, die dem Betrachter bekannte Geschichte in neuem Licht zeigt und ihm den Spiegel der eigenen Vorurteile vorhält. Die Distanz zur Geschichte reduziert Gilbert auf ein Minimum in dem er sich selbst - meist als Andrew, Emperor of Africa - in seine Version der Geschichte zeichnet.
Nach verschiedenen Zeichnungen zu fiktiven Filmen, Büchern und Theaterstücken widmet Andrew Gilbert nun eine ganze Ausstellung einer solchen surrealen Vision. Protagonist von Shaka Zulu – The Musical ist der ikonische König Shaka, unter dem es  durch innovative Kriegsführung und neu strukturiertes Militärwesen zu einer starken Expansion des Stammes der Zulu kam, was ihm den Spitznamen Black Napoleon einbrachte. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er wahnsinnig, und führte den Stamm als brutaler Diktator, bis er 1828 von seinem Halbbruder ermordet wurde. Shaka Zulu taucht in den gezeigten Arbeiten - wie Andrew Gilbert selbst - in verschiedenen Rollen auf. Beide können Diktator, Märtyrer oder Messias sein. Gilberts Welt ist keine schwarz weiße, in der leicht zwischen gut und böse unterschieden werden kann. Shaka Zulu war nie selbst im Krieg gegen Großbritannien; es war jedoch seine Kriegstaktik, die 1879 den historischen Sieg der Zulu gegen England ermöglichte, wobei die Briten den Stamm der Zulu noch im selben Jahr in der Schlacht bei Ulundi vernichtend schlugen. Andrew Gilbert besuchte beide Kriegsschauplätze 2014 während eines längeren Aufenthalts in Südafrika.
Für die Ausstellung hat der Künstler eine Bühne in den Galerieraum gebaut, auf der das Musical von mehreren lebensgroßen Skulpturen aufgeführt wird. Die Schnittstellen von Paradeuniformen, Marschmusik, federgeschmückten Cabaret Tänzerinnen und afrikanischer Kultur sind für Gilbert offensichtlich. Im Rahmen von Kolonialausstellungen in England wurden Anfang des 20. Jahrhunderts tanzende Afrikaner in Käfigen ausgestellt. An die Ästhetik solcher bedenklichen Vermittlung von Exotik erinnert die Installation in der Ausstellung. Ein Menschenzoo, bei dem nicht ganz klar ist, wer Betrachter und wer Betrachteter ist. Noch heute tanzen Afrikaner in Kostümen für Touristen und das romantische Klischee von Afrika und den Zulu wird in der Werbung und im Film aufgegriffen und popularisiert. Aus diesen Produkten entwickelte Andrew Gilbert einen persönlichen Symbolismus der Antikultur, indem er aus Massenprodukten primitive Fetische macht. Diese zeitgenössischen Elemente stehen in starkem Kontrast zu Elementen aus Afrika mit denen sie kombiniert werden. Bei diesen afrikanischen Objekten handelt es sich um Massenware, die für Touristen produziert wird. Die „Europäische Schrottkultur“ breitet sich also nach Afrika aus, weil Europäer dort hinreisen und Afrikakitsch kaufen wollen.
Nicht nur hier werden Gilberts Arbeiten bei aller Historie sehr aktuell, sondern auch wenn man sich als Betrachter die Frage stellt, wie es um die eigenen Vorurteile steht, wenn es um das Begriffspaar „zivilisiert“ und „primitiv“ geht. Und hatte man im Januar diesen Jahres nicht den Eindruck, dass die Presse ganz kurz davor war, von der Triebhaftigkeit der Wilden zu sprechen?

Andrew Gilbert ist 1980 in Edinburgh geboren und lebt und arbeitet in Berlin. Er war in internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Zuletzt waren seine Arbeiten in einer umfangreichen Einzelausstellung in der Overbeck Gesellschaft in Lübeck zu sehen, letztes Jahr in der Tate Britain. Außerdem haben unter anderem das Bayrische Armeemuseum (Ingolstadt), der me collectors room (Berlin), das Marta Herford (Herford), blank projects (Kapstadt) und das Künstlerhaus Bethanien (Berlin) Werke von Andrew Gilbert gezeigt. Im Lauf diesen Jahres wird er unter anderem an Ausstellungen in der National Gallery in Singapur und der Incline Gallery in San Francisco teilnehmen.


Shaka Zulu, carrots, selfie-sticks, Napoleon, plastic bags, Nina Simone, massage oil, African masks, Emil Nolde and a saxophone are only a few of the components in Andrew Gilbert's first solo exhibition at SPERLING. Shaka Zulu – The Musical presents new drawings, an installation and, for the first time, a diorama.
Rooted in British military and colonial history, Gilbert critically deals with the British Empire's self-image, the excess of colonialism and the absurdity of war and violence, in general. The work is set in the colonies of Great Britain and predominantly in Africa. The artist purposefully interprets historical occurrences and people from a clouded European, cliché-filled, prejudice-laden perspective and its romantic ideas of the exotic. He mixes facts with fictive characters and disturbing violent fantasies. The merge makes sense in context, in regard to history usually being written from the perspective of the victorious, thus subjective or motivated, respectively. In addition, history in Africa was exclusively communicated via word of mouth and therefore only a European version of occurrences exists. Gilbert fictionalizes these, whereas the violence in his work is clearly not far from reality, merely the constellation of facts and figures are fictitious and aimed at casting a new light on known history and holding up a mirror to the viewer's own prejudices. Gilbert reduces the distance to history to an absolute minimum by also becoming part of his drawings, usually as the character of Andrew, Emperor of Africa.
Following a drawing series of fictive films, books and plays, Andrew Gilbert now dedicates a whole exhibition to such a surreal vision. The main protagonist of Shaka Zulu – The Musical is the iconic king Shaka, who expanded the Zulu tribe through innovative conduct of war and a newly structured military, coining his nickname as The Black Napoleon. Following the death of his mother, he supposedly lost his mind and subsequently led the tribe as a brutal dictator, before being murdered by his half-brother in 1828. Shaka Zulu slips into different roles in the exhibition, as does Andrew Gilbert – both could be dictator, martyr or messiahs. Gilbert's world is not a black and white one, not one where it is easy to decipher good from evil. Shaka Zulu was never physically present during battles with Great Britain, but it was his military strategy that led to the historic victory over England in 1879. In the same year, however, the Britons managed to nearly wipe out the Zulu tribe entirely in the battle by Ulundi. Andrew Gilbert visited both sceneries of battle during a longer stay in South Africa in 2014.
For this exhibition, Gilbert has built a stage into the gallery space, where the musical is 'performed' by a group of life-size sculptures. The juxtaposition of regimental dress, marching music, feathered cabaret dancers and African culture is an obvious one to the artist. At the beginning of the 20th-century, dancing Africans were exhibited in cages as part of colonial exhibitions throughout England. The installation is reminiscent of such questionable depictions of the exotic – a human zoo, where the differentiation between viewer and the viewed remains unclear.
Africans still dance for tourists dressed up in costumes and the romantic cliché of Africa and the Zulu tribe continues to be used in advertising and film. Andrew Gilbert develops a personal symbolism of anti-culture from these objects, by creating primitive fetish objects from mass products. These contemporary elements are in stark contrast to the elements from Africa, which consist of mass products produced solely for tourists. The expansion of the 'European Culture of Trash' to Africa fulfills the expectations of European tourists wanting to buy African kitsch.
The contemporary relevance of Gilbert's work is its historical background, as well as the viewer's questioning of his or her own prejudices in respect to definitions of 'civilized' and 'primitive'. And wasn't it just recently that the German press was very close to stigmatizing refugees as sexually-driven savages?

Andrew Gilbert, born 1980 in Edinburgh, lives and works in Berlin. His work has been included in numerous solo and group shows, most recently in an all-encompassing solo show at the Overbeck Gesellschaft in Lübeck and last year at Tate Britain. In addition, the Bavarian Army Museum (Ingolstadt), the me collectors room (Berlin), blank projects (Cape Town) the Marta Herford (Herford) and the Künstlerhaus Bethanien (Berlin) have shown works of Andrew Gilbert. Upcoming exhibitions include shows at the National Gallery in Singapore and the Incline Gallery in San Francisco.