Ana Navas
Ich traute mich, sie zurückzugeben, weil sie nicht bissfest waren

May 25 - June 29, 2019

(installation views by Sebastian Kissel)

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Vor einigen Monaten besuchte ich Ana Navas' Atelier bei FLORA ars+natura in Bogota. Ich sage Studio, weil dieses Wort verwendet wird, um den Ort zu beschreiben an dem Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Wenn Navas die Logik den Begriff des Kuriositätenkabinetts nicht völlig umgekehrt hätte, wäre es meiner Meinung nach angemessener den Raum, in dem ihre Kunst gemacht und ausgestellt wird als ein solches zu bezeichnen. Visuell gab es kaum etwas, dass Ihr Studio von solch einem Ort abgegrenzt hätte: nicht nur hat die Künstlerin fast jede Oberfläche des Raumes bedeckt, sie zeigte auch naturkundliche und ethnographische Objekte.
Einen fundamentalen Unterschied gab es aber; anstatt Kuriositäten weit entfernter Orte und exotischer Kulturen zu präsentieren, umfasste der Raum der Künstlerin fiktive/erdachte Raritäten zeitgenössischer Gesellschaften. Unter den Dutzenden von liegenden, hängenden und stehenden Objekten gab es zum Beispiel einige ovale Schaumstoffstücke, die – um die Taille platziert - die Kurven des weiblichen Körpers glätten sollen. Außerdem eine reinterpretierte Pussy Bow-Bluse (eine schlappe Schleife am Hals einer Damenbluse, die dazu dient, ihr Dekolleté zu kaschieren), sowie einen monochromen Umhang, getragen von einem Metallgestell, der den Oberkörper einer Frau so rechteckig wie einen männlicher Torso erscheinen lassen soll.
Obwohl visuell nichts darauf hindeutet, gibt es eine starke inhaltliche Verbindung, die diese Kleidungstücke, die Navas erfunden oder neu interpretiert hat, innetragen: Jedes einzelne Kleidungsstück zeigt die Methoden, mit denen Frauen und der weibliche Körper unter den Bedingungen des kapitalistischen Patriarchats ihrer Sexualität und Weiblichkeit beraubt worden sind. In der Konzeptualisierung dieser Kleidungsstücke ist die Künstlerin von Büchern über Power Dressing inspiriert worden, der Praxis eines Kleidungsstils, der es Frauen ermöglichen soll, ihr Können und ihre Autorität in einem von Männern dominierten politischen und beruflichen Umfeld zu zeigen.
(...)
Zu sagen, dass es bei Navas' Arbeit um Gender („es geht um die Erfahrung, eine Frau zu sein") oder Ethnizität („es geht darum, Venezuelanerin zu sein“) geht, beleuchtet nur einen kleinen Teil Navas' Arbeit. Anstatt diese auf eine bestimmte Herkunft oder ein bestimmtes Geschlecht zu reduzieren, sollten Navas Arbeiten eher als Antwort auf umfassendere Fragen zu den Themen der Konstruktion und Performativität von Identität gelesen werden. Ich glaube, dass die Qualität der Arbeiten von Navas genau darin liegt; die humorvollen und erfinderischen Wege, auf denen sie zeigt, dass das, was wir sind - oder besser, was wir sein müssen – von scheinbar harmlosen Objekten und Verhaltensweisen konstruiert und kommuniziert wird.

Stephanie Noach


Ana Navas
(geb. 1984 in Quito, Ecuador) lebt und arbeitet in Amsterdam. Als Meisterschülerin von Prof. Franz Ackermann schloss sie ihr Studium 2011 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ab. Navas erhielt mehrere Preise und Stipendien, u. a. das Graduiertenstipendium des Landes Baden-Württemberg, das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, als „artist-in-residence“ war sie Gast des CEAAC Straßburg und absolvierte Studienaufenthalte am Goethe-Institut in Salvador de Bahía, an der Cité International des Arts in Paris und an der Escuela FLORA ars+natura in Bogotá. Sie war zwei Jahre Teilnehmerin des „De Ateliers“- Programms in Amsterdam. In 2018 zeigte die Kunsthalle Baden-Baden die Einzelausstellung To cut one’s hair by the moon. Die Stadtgalerie Sindelfingen zeigte 2017 Navas' Ausstellung I had to think of you. Navas Arbeiten wurden außerdem bereits bei P/////AKT Amsterdam, Tegenboschvanvreden Amsterdam und im CEAAC Strasbourg gezeigt. Ich traute mich, sie zurückzugeben, weil sie nicht bissfest waren ist Ana Navas erste Einzelausstellung bei SPERLING.

Mit bestem Dank an tegenboschvanvreden, Amsterdam


Some months ago, I visited Ana Navas' studio at FLORA ars+natura in Bogota. I say studio because we have agreed upon using this word when referring to the place where artists work, but, were it not that Navas totally reversed its logics, I think it would have been more appropriate to allude to the room where her art was made and displayed as a cabinet of curiosities. Visually there was little that distinguished Navas’s installation from such cabinets: also she had covered nearly every surface of the room, and also she had displayed objects belonging to natural history and ethnography.
But there was a fundamental difference. Rather than showing the curiosities of far-away places and ‘exotic’ cultures, the artist’s room included oftentimes fictitious rarities of contemporary societies. Amongst the dozens of lying, hanging or standing objects there were for example some oval shaped pieces of foam rubber which women should place around their waist in order to straighten the curves of the female body, a reinvented pussy bow blouse (a floppy bow at the neck of a woman’s blouse which served to cover her cleavage), and a monochrome cape upheld by a metallic structure which would make the woman torso appear as rectangular as a male torso.
While from their appearance one couldn’t guess, there was a strong internal tie which united the garments invented or reinterpreted by Navas: each one called attention to the ways in which women and the female body under capitalist patriarchy have oftentimes literally been deprived of their sexuality and femininity. In her conceptualization of these pieces of clothes, the artist had been inspired by books on ‘power dressing’, the practice of dressing in a style that enables women to show theirauthority in male-dominated political and professional environments.
(…)
Yet to say that Navas’s work is about gender (‘it’s about the experience of being a woman’) or ethnicity (it’s about being Venezuelan’) is, at the very least, reductive. Rather than isolating her work to a certain demographic, it should be understood as responding to broader questions about the construction and performativity of identity. I believe that the quality of Navas’s works resides just here, in the humorous and inventive ways in which she shows that what we are - or better, what we are required to be - is constructed and communicated through simple and seemingly inoffensive objects and behaviors. 

Stephanie Noach

Ana Navas (born 1984 in Quito, Ecuador) lives and works in Amsterdam. As a master student of Prof. Franz Ackermann, she completed her studies in 2011 at the Academy of Fine Arts in Karlsruhe. Navas received several prizes and scholarships, including the graduate scholarship of the State of Baden-Württemberg and the scholarship of the Kunststiftung Baden-Württemberg, as "artist-in-residence" she was a guest of the CEAAC Strasbourg and completed study stays at the Goethe-Institut in Salvador de Bahía, at the Cité International des Arts in Paris and at the Escuela FLORA ars+natura in Bogotá. For two years she participated in the "De Ateliers" programme in Amsterdam. In 2018 the Kunsthalle Baden-Baden showed the solo exhibition To cut one's hair by the moon. The Stadtgalerie Sindelfingen showed 2017 Navas' exhibition I had to think of you. Navas' works have also been shown at P/////AKT (Amsterdam), Tegenboschvanvreden (Amsterdam), CEAAC Strasbourg and Rinomina (Paris). Ich traute mich, sie zurückzugeben, weil sie nicht bissfest waren is Ana Nava's first solo exhibition at SPERLING.

Many thanks to tegenboschvanvreden, Amsterdam